Konzeptioner oder Experimentierer? | Netzfischer
Juli 9, 2006

Konzeptioner oder Experimentierer?

In einem sehr interessanten Artikel in Wired.com wird beschrieben, wie der Ökonom David Galenson zwei sehr unterschiedliche Formen von “Genie” identifiziert hat. Das mag nicht zur Volkswirtschaftslehre passen, allerdings hatte Galenson angefangen, sich darüber Gedanken zu machen, als er Preise von Gemälden verglich und dort Gesetzesmässigkeiten finden wollte. Irgendwann stellte er fest, dass neben vielen Faktoren vor allem eines die größte Rolle spielte: das Alter des Künstlers:

He selected 42 contemporary American artists and researched the auction prices for their works. Then, controlling for size, materials, and other variables, he plotted the relationship between each artist’s age and the value of his or her paintings. On the vertical axis, he put the price each painting fetched at auction; on the horizontal axis, he noted the age at which the artist created the work. When he tacked all 42 charts to his office wall, he saw two distinct shapes. For some artists, the curve hit an early peak followed by a gradual decline. People in this group created their most valuable works in their youth – Andy Warhol at 33, Frank Stella at 24, Jasper Johns at 27. Nothing they made later ever reached those prices. For others, the curve was more of a steady rise with a peak near the end. Artists in this group produced their most valuable pieces later in their careers – Willem de Kooning at 43, Mark Rothko at 54, Robert Motherwell at 72. But their early work wasn’t worth much.

Anhand dieser Information konnte Galenson Künstler in zwei Lager aufteilen: die jungen Conceptual Innovators und die älteren Experimental Innovators.

“Conceptual innovators,� as Galenson calls them, make bold, dramatic leaps in their disciplines. They do their breakthrough work when they are young. Think Edvard Munch, Herman Melville, and Orson Welles. They make the rest of us feel like also-rans. Then there’s a second character type, someone who’s just as significant but trudging by comparison. Galenson calls this group “experimental innovators.� Geniuses like Auguste Rodin, Mark Twain, and Alfred Hitchcock proceed by a lifetime of trial and error and thus do their important work much later in their careers.

Galenson verdeutlicht das an zwei Künstlern, die wirklich diametral unterschiedlich gearbeitet haben, beide aber zu den großen Künstlern der letzten 120 Jahre zählen:

Picasso and Cézanne represent radically different approaches to creation. Picasso thought through his works carefully before he put brush to paper. Like most conceptualists, he figured out in advance what he was trying to create. The underlying idea was what mattered; the rest was mere execution. The hallmark of conceptualists is certainty. They know what they want. And they know when they’ve created it. Cézanne was different. He rarely preconceived a work. He figured out what he was painting by actually painting it. “Picasso signed virtually everything he ever did immediately,� Galenson says. “Cézanne signed less than 10 percent.�
Experimentalists never know when their work is finished. As one critic wrote of Cézanne, the realization of his goal “was an asymptote toward which he was forever approaching without ever quite reaching.�

Die einen wissen, was sie wollen, die anderen experimentieren so lange herum, bis sie meinen, das richtige gefunden zu haben (oder auch nicht).
Allerdings heisst es nicht, dass jemand, der mit 30 noch nichts auf die Reihe gebracht hat, einfach bis später warten muss. Es heisst aber vor allem: dranbleiben. Denn vielleicht ist man ja ein “Experimental Innovator”. Die Auflösung erfährt man halt leider erst sehr spät.
Und für alle, die eher “Conceptual Innovators” sind, ist natürlich ein ständiges Aufschieben absolut hinderlich. Wer sich die Dinge immer nur schön gründlich überlegt, dann aber nichts zu Papier bringt, der wird nie erfahren, ob das, was er sich überlegt, wirklich bahnbrechend ist.

Interessant ist hierbei also vor allem die Arbeitsweise dieser beiden verschiedenen Typen. Charaktereigenschaften, die Galenson hier speziell für Künstler dargestellt hat, die aber auch für viele andere “kreative” Berufe eine Rolle spielen wird. Daher ist seine Arbeit auch ausserhalb des Kunstmarktes ein interessantes Gedankengerüst um Vorgehens- und Arbeitsweisen einordnen und beurteilen zu können.

Man kann diese beiden unterschiedlichen Charakterzüge meiner Meinung nach auch in anderer Form finden:

Sind Sie ein Ergebnissprecher oder ein Sprechdenker? Ergebnissprecher denken tief nach, analysieren, schlussfolgern und veröffentlichen das Resultat ihres Denkens. Wie ein Kommuniqué. Sprechdenker gehen in den öffentlichen Dialog. Sie brauchen ihn, sonst können sie nicht denken. Irgendwann kommen auch sie zu Schluss und Schlussfolgerung. Ergebnissprecher halten Sprechdenker für labyrinthisch, unklar und langatmig. Sprechdenkern vergeht in der sachkühlen Atmosphäre von Ergebnissprechern die Lust. In welcher Gruppe müssen Sie arbeiten, um erstklassig zu sein oder sich wohlzufühlen? (Quelle)

Somit könnte man vielleicht den Typ “Innovator” schon allein an seiner Art zu sprechen identifzieren?

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