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Der erstaunliche Quatsch des Herrn Heveling
Mag sein, dass ich ein wenig spät dran bin, da diese Sau bereits vor 3 Tagen durchs Dorf getrieben wurde.
Aber dennoch. Diese Sau muss nicht nur getrieben werden – sie muss raus. Und mit ihr bitte auch alle anderen aus der CDU Politiker (aber auch die allen anderen Parteien), die so denken. Worum geht’s?
Ansgar Heveling (CDU) hat in einer Brandschreibe behauptet, dass das Web 2.0 eine jugendliche Revoluzzererscheinung ist, die früher oder später wieder verschwinden wird.
Denn, liebe „Netzgemeinde“: Ihr werdet den Kampf verlieren. Und das ist nicht die Offenbarung eines einsamen Apokalyptikers, es ist die Perspektive eines geschichtsbewussten Politikers. Auch die digitale Revolution wird ihre Kinder entlassen. Und das Web 2.0 wird bald Geschichte sein. Es stellt sich nur die Frage, wie viel digitales Blut bis dahin vergossen wird.
Aber Herr Heveling wirft nicht nur etliche Beispiele aus der Geschichte in die Waagschale, sondern hat auch eine Schreibe, bei der sich mir die Fussnägel vor Grauen aufrollen:
Wenn wir nicht wollen, dass sich nach dem Abzug der digitalen Horden und des Schlachtennebels nur noch die ruinenhaften Stümpfe unserer Gesellschaft in die Sonne recken und wir auf die verbrannte Erde unserer Kultur schauen müssen, dann heißt es, jetzt wachsam zu sein. Also, Bürger, auf zur Wacht! Es lohnt sich, unsere bürgerliche Gesellschaft auch im Netz zu verteidigen!
In was für einer Zeit befinden wir uns denn eigentlich? Wir sind doch nicht mehr im letzten Jahrhundert, wo man mit solchen Parolen Truppen anfeuern muss? Oder gibt es für Herrn Heveling tatsächlich eine Wählerschaft, die sich durch solch totalitär anmutenden Schlachtrufe auf ihren Sofas mobilisieren lässt? Schlimm, wenn das wirklich die Mehrheit wäre.
Zur Beruhigung: Wenn man sich die Entwicklung der Mediennutzung ansieht, dann gehört die Zielgruppe von Herrn Heveling bald der Minderheit an. Vergisst er doch zu berücksichtigen, dass die jüngere Generation mit dem Web 2.0 aufgewachsen ist und es so wenig vermissen wollen wird, wie Herr Heveling seinen Festnetzanschluss.
Die Tatsache, dass Herr Heveling die Zeichen der Zeit nicht erkennt, lässt ihn äußerst kurzsichtig erscheinen. Natürlich verändert sich eine Gesellschaft nicht über Nacht. Das hat sie auch bei den damaligen Revolutionen nicht getan. Die neuen politischen und gesellschaftlichen Formen haben sich in den Jahren nach einer Revolution oftmals nur langsam entwickelt. Wer weiß heute noch, dass es in den Jahren nach 1789 eine Parise Kommune gab, die eine starke sozialistische Ausprägung hatte, bevor die eigentliche Demokratie eingeführt wurde? Sicherlich die wenigsten.
Wir werden den jetzigen Zustand digitaler Piraterie in den nächsten Jahre nicht weiter so dulden können. Ebenso wenig jedoch die heutigen Copyright Gesetze. In dem Buch “Free Culture” von Lawrence Lessig gibt es eine wunderschöne Geschichte aus den USA, die sich ca. 1900 abspielte.
Bis dato hatte jeder Landbesitzer die Hoheit über sein Land – und zwar nicht nur von Zaun zu Zaun, sondern auch bis tief in die Erde und hoch in den Himmel – unbegrenzt. Dann kamen die ersten Flugzeuge – eine neue, sehr sinnvolle Technologie – und es entbrannte ein Streit darüber, ob Flugzeuge einfach ohne Erlaubnis über ein Stück Land fliegen dürfen.
Wir lächeln heute über den Gedanken, dass ein Flugzeug nicht über einen Acker eines einzelnen Bauern fliegen durfte. Wie werden wir in 100 Jahren über Musikverlage denken, die sich dagegen stemmen, dass man ein digitales Musiksstück weitergibt, obwohl der Musikverlag bei der Vervielfältigung keinerlei “Mehrwert” beiträgt – aber dennoch daran verdienen will?
Eine sehr lesenswerte Replik auf Herrn Heveling kommt übrigens von einer Seite, von der man es nicht erwartet hätte: aus dem Ausland, von niemand geringerem als Lawrence Lessig.
Wie die Buch Branche ticken könnte: Spreeblick macht es vor.
Die Bücher Branche wird mittelfristig ähnliche Probleme bekommen wie die Musik Branche. Statt teuere Logistik zu bezahlen, um bedrucktes totes Holz von A nach B zu verfrachten, werden immer mehr Personen digitale Bücher lesen. Anders als bei Musik spielt die Haptik echter Bücher für viele eine stärkere Rolle, der Trend ist jedoch klar erkennbar.
Johnny Häusler von Spreeblick hat jetzt ein Buch mit Kurzgeschichten geschrieben: „I live by the River“ – und verkauft dieses jetzt selbst für schmales Geld:
Knapp 3000 eBooks hat Haeusler inzwischen verkauft und zeigt den von eBooks gelangweilten Verlagen, wie man digitale Leser erreicht. Ausgerechnet mit Kurzgeschichten. Noch so eine ungeliebte Gattung der Verlage. Noch dazu Geschichten, die im Grunde alle schon einmal bei Spreeblick veröffentlicht wurde. Jetzt aber eben gesammelt. Es geht also – mit guten Inhalten, ja klar, und einem Kampfpreis. 99 Cent.
Zugegeben, Johnny Häusler hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber allen anderen Autoren, die ihre Vermarktung selbst in die Hand nehmen. Er kann einfach darüber twittern, und jedes Mal verkauft er ein paar Exemplare seines Buches.
Die Verlage sollten genau aufpassen, was hier passiert. Denn Johnny Häusler hat meiner Meinung nach recht, wenn er erklärt, wie man den Markt der eBooks aufbauen sollte:
Ich glaube, der App-Markt hat hier gezeigt, wie es gehen kann. Apps waren anfangs kostenlos, dann wurden die 79 Cent normal, inzwischen kann man Spiele und Software auch für 15 Euro und mehr kaufen. Den eBook-Markt bekommt man nicht in die Gänge, wenn ein Buch 25 Euro kostet – da schmerzt der Kauf-Klick zu sehr.
Bei 99 cent greift man schneller mal zu. So könnten die User lernen eBooks zu kaufen, bevor sie lernen, sie “kostenlos” runterzuladen. Die Buch Branche hat die seltene Gelegenheit, aus den Fehlern zu lerenen, die die Musik Branche gemacht hat. Werden die Verlage diese Chance erkennen?
(via off the record)
Der Google Zeitgeist 2011
Google nutzt erneut die Statistiken aus vielen seiner Produkte, um eine Analyse der interessantesten Themen in 2011 zusammenzustellen. Dahinter steckt natürlich Google Zeitgeist. Das Video zeigt lediglich ein paar Ausschnitte davon und nebenbei ein schönes Werbevideo für die verschiedenen Google Produkte:
U3 Baumwall
Ein fantastisches Video von Rollerbladern in Hamburg. Die Aufnahmen sind grandios. Damit meine ich beides: die Stunts, wie auch die Kameraführung und den Schnitt. Unbedingt fullscreen in HD ansehen! Im be-mag gibt es einen kurzen Artikel mit Hintergrundinformationen zu diesem Video.
Die Regierung hat einen (digitalen) Fachkräftemangel.
Neulich schrieb eine Zeitung, dass die Regierung sich über den Fachkräftemangel in Deutschland beklage. Ein Kollege schrieb auf Facebook dazu, dass die Regierung selbst einen Fachkräftemangel hat. Dem kann man nur zustimmen, insbesondere, wenn es um digitale Geschäfte geht.
Matthias Schrader, Gründer und CEO der Digitalagentur SinnerSchrader wird in einer Pressemitteilung mit den folgenden Worten zitiert:
Wir werden von gefährlichen Ahnungslosen regiert. Viele Politiker sind digitale Analphabeten. Das ist für Deutschland ein echter Standortnachteil. Behörden und Politik schüren gezielt die Angst vor dem ‘Datenhunger amerikanischer Konzerne’, riskieren aber mit ihrer Gesetzgebung in der Praxis insbesondere die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Anbieter und gefährden Arbeitsplätze. Auf der anderen Seite setzt der Staat auf rechtsverletzende Tools wie den Staatstrojaner, der dem Datenmissbrauch Tür und Tor öffnet. Das ist mehr als nur bigott.
Dem kann man nur beipflichten. Was die Politiker beschliessen, und was sie an Unkenntnis zeigen, ist erschreckend. Ich frage mich, ob die Politiker in den anderen Themenfeldern, in denen ich mich nicht so gut auskenne, ebenso ahnungslos sind? Was, wenn deren Entscheidungen im Gesundheitssektor ähnlich falsch sind?
Das Verhalten der Regierung in der aktuellen Währungskrise ist auch nicht sehr vertrauensbildend. Was, wenn hier genauso ahnungslos vor sich hin regiert wird?
Johannes Lenz von der Werbeagentur Grey hat übrigens Herrn Schrader zu seinem Statement interviewed. Hier ein paar Zitate:
Im Ausland wird Digitalisierung als Chance begriffen. Hierzulande als Gefahr. Über unsere Zukunft entscheiden Menschen, die nicht wissen, was sie tun. Wenn wir nicht umlenken, werden wir dafür die Quittung bekommen.
Der E-Commerce ist schon jetzt überreguliert. Im Online-Media-Geschäft droht uns mit dem Quasi-Verbot zielgerichteter Werbung der Rückfall in die prädigitalte Steinzeit. Für Werbetreibende ist das eine Katastrophe. Und dem deutschen Endkunden droht nun auch im Netz eine Service- und Komfortwüste.
Natürlich hat Herr Schrader Angst um sein Business, aber letztendlich schadet die Überregulierung auch dem Endverbraucher…
Auch Sascha Lobo nimmt in seiner Spiegel Kolumne, angestachelt durch die Bundestrojaner-Debatte kein Blatt vor den Mund.
Schade nur, dass die Damen und Herren an der Macht all diese Statements nie lesen werden, solange man sie ihnen nicht ausgedruckt vorlegt.
Vielleicht kann mir ja einer meiner Berliner Leser den Gefallen tun, und alle Texte dieser Art ausdrucken und im Regierungsviertel abgeben?
Flashmobs haben es jetzt zu einer eigenen Fernsehserie gebracht.
Das Phänomen Flashmob ist noch nicht sehr alt, und erst recht noch nicht sehr lange in der breiten Öffentlichkeit bekannt.
Der erste größere Flashmob, dessen Video Dokumentation quer durchs Netz geschickt wurden und an den ich mich erinnern kann, war “Frozen Grand Central” von Improv Everywhere (28 Mio Views bis heute):
Der erste Marketing-Flashmob, an den ich mich erinnern kann, war der von T-Mobile UK (mit sogar 31 Mio Views bis heute!)
(Die Ähnlichkeit beim Setup ist bestimmt rein zufällig entstanden …)
Jetzt ist es soweit: Flashmobs werden in die breite Masse getragen. Ab dem 3. November läuft auf Pro7 eine neue Sendung: „Flash! Der größte Moment deines Lebens“.
Ahnungslose Einzelpersonen werden mit Flashmobs überrascht, aus denen dann Heiratsanträge und ähnliches entstehen. Klingt wie eine Neuauflage von “Verstehen Sie Spaß” und “nur die Liebe zählt”.
Wirklich schade. Damit verlieren Flashmobs ihren Charme als dezentral organisierte, anonyme Underground Aktion.
(via 2nullig)

